Europäische „Space Force“: nächste Schritte in Europa und in Deutschland

Von Daniel Salzer

Einführung

Die Notwendigkeit einer europäischen „Space Force“ ist mittlerweile keine Frage mehr, deren Aufbau nur eine Frage der Zeit. Sogar der Präsident der Französischen Republik, Herr Macron, hat sich richtungsgebend dazu geäußert.

Es liegt jetzt an den europäischen Mitgliedern der NATO, ihre weitere Vorgehensweise festzulegen, um ihren Beitrag zum Schutz der europäischen Raumfahrtressourcen zu definieren. Selbstverständlich können die europäischen Beiträge nur komplementär zu dem sein, was in den  USA in dieser Richtung bereits geplant und realisiert wird, da die europäischen NATO-Staaten schon aus finanziellen Gründen mit diesen Plänen nicht mithalten werden können: die USA planen, in den Bereich Space Situational Awareness zwischen 2015 und 2019 6 Mrd. USD zu investieren. Auch Russland und China haben ihre Fähigkeiten in diesem Bereich weiter ausgebaut, die europäischen Fähigkeiten sind heute weit unter deren Niveau.

Was kann Europa mit eher begrenzten Mitteln beitragen? Was kann Deutschland beitragen?

Dass der Beitrag signifikant sein muss steht nicht zur Debatte, nur so wäre die notwendige enge Zusammenarbeit mit den USA und ein entsprechender Datenaustausch realistisch.

Die Rolle Europas

Die europäischen NATO-Mitglieder müssen eine kohärente und zu den USA komplementäre Strategie für den Schutz der europäischen Raumfahrtressourcen entwickeln. Diese Strategie sollte mindestens folgende zwei Hauptstoßrichtungen abdecken:

Die Sicherstellung des europäischen Zugangs zum Weltraum

Den Ursprung des Konzeptes des europäischen Zugangs zum Weltraum – und somit die Grundessenz des Ariane-Programms, die Entscheidung der US-Regierung im Jahr 1973, den Start des deutsch-französischen-Nachrichtensatelliten Symphonie I nur dann zuzulassen, wenn dieser Satellit keine kommerziellen Dienste anbietet – sollte ständige Motivation sein, den heutigen europäischen Zugang zum Weltraum sicherzustellen. Alle öffentlichen europäischen Satelliten, vor allem die militärischen Satelliten, sollten mit europäischen Raketen gestartet werden (zurzeit Ariane V, Ariane VI, Vega). Bei der Entscheidungsfindung muss der strategische Wert dieser Komponente – gemeinsam mit den wirtschaftlichen und technischen Bedingungen – eine größere Rolle als bislang spielen.

„Space Situational Awareness“: die Achilles-Ferse der NATO-Raumfahrtverteidigung

Die Fähigkeiten der USA – militärisch und zivil – in diesem Sektor sind bei weitem weltweit die größten und wichtigsten. Wie bereits angedeutet, investieren die USA in diesen Bereich seit 2015 ca. 1 Mrd. USD pro Jahr. Im militärischen Sektor spielen dabei vor allem das „Space Fence“-Programm der Air Force und das „Hallmark“-Programm der DARPA, sowie das Missionssystem JSpOC der Air Force die wichtigste Rolle, aber auch zivile Systeme der NASA und der NOAA.  Mit dem Ausbau der ersten Phase des S-Band „Space Fence“ auf dem Kwajalein-Atoll, die 2019 in Betrieb gehen soll, lassen sich täglich 200.000 Objekte verfolgen mit 1,5 Millionen Beobachtungen. Obwohl das DoD der USA damit weltweit die führende Organisation ist, die systematisch präzise Daten zu möglichen Bedrohungen der Raumfahrtressourcen liefern kann (passive Bedrohungen oder potenzielle Angriffe), werden diese Informationen nur teilweise anderen Nationen zur  Verfügung gestellt, da sie von größter strategischer Bedeutung sind.

Obwohl die USA ca. 380 SSA-Sensoren (einschließlich „Space-Based Surveillance System“ (SBSS)-Block10 Pathfinder-Satelliten) betreibt, lassen sich kleinere Objekte (unter ca. 10 cm) noch nicht immer identifizieren und vor allem ist die enorme Datenmenge zu bewältigen, um eine Flugbahnvorhersage und somit die Erkennung einer potentiellen Bedrohung für Satelliten zu ermöglichen.

Dadurch könnten sich zwei wichtige Rollen für eine europäische Initiative ergeben: der Aufbau einer europäischen Fähigkeit, die in die vorhandenen europäischen Systeme integriert werden kann (zum Beispiel mit dem TIRA-Radar des Fraunhofer-Instituts zusammenarbeiten würde) und komplementär zum „Space Fence“- Programm der USA arbeiten würde, sowie die Entwicklung von Fähigkeiten in der Datenverarbeitung, um die Flugbahnen auch von kleinen Flugobjekten vorherzusagen. Darüber hinaus sind die europäischen Fähigkeiten zur Weltraum-Wettervorhersage (national und ESA) auszubauen.

Die mögliche Rolle Deutschlands

Die deutsche Bundeswehr besitzt kritische raumfahrtbasierte Ressourcen im Bereich Satellitenkommunikation und Satelliten-Erdbeobachtung. Unabhängig davon, ob diese Ressourcen für die Erfüllung der Bundeswehr-Aufgaben ausreichend sind oder nicht (dazu gehört eine übergreifende Bundeswehr-Raumfahrtstrategie, die – mindestens in der Öffentlichkeit – unbekannt ist), sind die Fähigkeiten dieser Ressourcen zu schützen eher begrenzt. Nennenswert sind das TIRA-Radar sowie die DLR- und Bundeswehr-Raumfahrtwetter-Aktivitäten. Es ist an der Zeit, konkrete Schritte in den zwei oben erwähnten Hauptstoßrichtungen zu tun: europäische Ressourcen für den Start öffentlicher Satelliten – vor allem militärischer Satelliten – sollten mit Priorität berücksichtigt werden. Die Entscheidung der Bundeswehr, aus rein wirtschaftlichen Gründen die SARAH-Satelliten mit einem Falcon-Launcher zu starten, sollte sich in Zukunft nicht mehr wiederholen. Als zweite Komponente sollten modernste Technologien und Fähigkeiten für die Erkennung von Raumfahrtobjekten entwickelt und in Betrieb genommen werden. Dazu sollten bodengestützte Radare auf- und ausgebaut werden (zum Beispiel ein europäischer „Space Fence“ oder der Ausbau der Trackingradar-Fähigkeiten des DLR) und neue Techniken erprobt und eingesetzt werden, zum Beispiel interferometrische Methoden mit Bodenradaren. Auch die Analyse eines möglichen raumgestützten Systems komplementär zum US-SBSS könnte umgehend in Angriff genommen werden. Und als dritter Beitrag sollte die Verarbeitung der großen Datenmengen, die von den Sensoren erzeugt werden, in Betracht gezogen werden.

Diese Beiträge sollten Teil einer dringend erforderlichen und umfassenden Raumfahrt-Strategie der Bundeswehr sein, mit den Komponenten Satellitenkommunikation, Satelliten-Erdbeobachtung und „Space Situational Awareness“, einschließlich Raumfahrtwetter.