Von Daniel Salzer

Wir leben in schwierigen Zeiten. Aus einer den meisten von uns bis dahin unbekannten Stadt in China, Wuhan, breitet sich zuerst in China eine Epidemie aus, die sich dann in kurzer Zeit in eine Pandemie verwandelt. Kein Flecken der Welt ist heute vor SARS-CoV-2 sicher; eine in den Jahrhunderten einmalige Katastrophe.

Gleichzeitig erlebt die Raumfahrt eine eigene Pandemie, aus der „Stadt“ New Space. Diese hat sich zuerst als Epidemie in den USA entwickelt, mit den Varianten (Mutanten?) Starlink, OneWeb, Kuiper und Telesat, um einige zu nennen. Zehntausende Satelliten … Diese Konstellations-Epidemie, auch „Konstellationitis 2“ genannt, scheint sich so langsam zu einer Pandemie zu entwickeln und hat wohl die europäischen Küsten erreicht. Der Geist einiger wichtiger Persönlichkeiten in Wirtschaft und Politik wird bereits durch „Konstellationitis 2“ beherrscht.

Sehen wir uns mal die Entwicklung dieser Epidemie in ihrer Ursprungsregion, den USA, an. Dort hat mittlerweile die Variante/Mutante StarLink anscheinend alle anderen Mutationen in den Hintergrund gedrängt. Die Variante OneWeb musste bereits daran glauben und nach dem Konkurs im Jahr 2020 ihre Struktur grundsätzlich ändern. Heute dockt diese Variante an anderen Zellen an, hauptsächlich an den Zellen der Navigationssysteme. Einen Beweis für den Erfolg dieser neuen Variante von OneWeb in ihrem neuen Mantel haben wir natürlich nicht; ein glaubwürdiger Geschäftsplan ist nicht bekannt. Die Mutante StarLink dagegen, mit der starken DNA von Elon Musk und der finanziellen Hülle vieler Investoren, breitet sich weiter aus und greift alle anderen möglichen Varianten durch ihre bloße Präsenz an. Durch ihre DNA sind große Versprechen zu erwarten: eine praktisch unendliche Bandbreite und Datenrate, eine globale Präsenz, tausende Satelliten. Und dieses Versprechen hat sich in den Empfängerzellen, wichtiger wirtschaftlicher und politischer Autoritäten, so stark festgesetzt, dass man nicht mehr an den Sinn und die Hintergründe dieser Versprechen denkt, sondern nur noch in der Wolke schwebt. Vor allem scheint man zu dem Ergebnis zu kommen: So etwas brauchen wir auch in Europa! Dabei werden offensichtlich einige Faktoren übersehen: Wir haben hier keine Elon-Musks- (auch wenn wir das wollten), wir haben keine Investoren-getriebene Finanzhülle, mit der wir uns in eine „Konstellationitis 2“-Welle hineinstürzen können und fürNachahmung  ist es zu spät. Das einzige, was wir glauben zu haben, sind Steuergelder und auch das ist reine Glaubenssache.

Europa sollte sich die grundsätzliche Frage stellen, ob wir uns mit diesem Konstellations-Virus infizieren sollten und eine eigene Satellitenkonstellation implementieren müssten, um den europäischen Bürgern und der europäischen Industrie ausreichend Kommunikationsinfrastruktur zur Verfügung stellen zu können. Sehen wir uns doch das Beispiel StarLink an. Im April 2019 hat StarLink die Absicht veröffentlicht, in den folgenden 60 Monaten 44 Satelliten monatlich in den Weltraum zu bringen, und die damals spezifizierten 2.200 Satelliten innerhalb von sechs Jahren in Betrieb zu nehmen. Mittlerweile sollen es 12.000 Satelliten werden. Ende 2019 waren davon 60 Satelliten im Orbit, 57 davon betriebsbereit, und 45 davon hatten ihre spezifizierte Umlaufbahn erreicht. Im September 2019 änderte StarLink die Spezifikationen; die Änderung wurde im Dezember von der FCC genehmigt. Bis Januar 2021 hatte StarLink 1.045 Satelliten im Orbit. Im Februar 2021 veröffentlichte StarLink, dass die Konstellation 10.000 Nutzer hat und auf Basis der 99$/Monat (die Ende 2020 von StarLink veröffentlichte Monatsgebühr) einen Umsatz von … weniger als 1 Mio. $, so kann deswegen angenommen werden. Laut Aussage von Elon Musk soll StarLink ab 2025 30 Mrd. $ Umsatz im Jahr generieren, ein absolut unerreichbares Ziel, da die zur Verfügung stehende Bandbreite einfach begrenzt ist – auch wenn bis dahin die Hälfte seiner geplanten 12.000 Satelliten in Betrieb wären, dann könnte man mit ca. 3 Mrd. $/Jahr rechnen, einem Zehntel der versprochenen Zahl. Ein Businessplan ist natürlich völlig unbekannt. Vermutet wird, dass die Konstellation die Grundlage für eine Wirtschaftlichkeit der SpaceX-Launcher sein soll.

Die Logik hinter der Implementierung von StarLink ist völlig unklar, wenn man nicht zwei Faktoren ins Spiel bringt: Erstens herrscht ein Verdrängungswettbewerb, da offensichtlich bestenfalls, wenn überhaupt, nur eine Konstellation die Bandbreite anbieten könnte, die für das wirtschaftliche Überleben notwendig wäre. Und StarLink wird am schnellsten implementiert. Zweitens könnte Herr Mister Musk ein ganz anderes Interesse verfolgen: seinem wachsenden Automobilgeschäft eine weltweite Konnektivität zu bieten, unabhängig von allen anderen Netzwerken. Es könnte also gar nicht um die Wirtschaftlichkeit einer Konstellation gehen, sondern anscheinend um die Wirtschaftlichkeit der Musk-Welt, finanziert durch den Vertrieb von Tesla-Personenkraftwagen. Und dafür ist  StarLink möglicherweise ein Baustein, unabhängig von dessen Wirtschaftlichkeit. Interessanterweise scheint dieser Virus sogar Deutschland erreicht zu haben; VW hat im Februar in der Wirtschaftswoche veröffentlicht, dass über eine Zusammenarbeit mit Elon Musk mit einer europäischen Konstellationskomponente nachgedacht wird. Und er scheint sich bereits von den USA aus in China auszubreiten, gegenläufig zur Ausbreitung von COVID-19: Geely, Investor bei Daimler und Volvo, hat im Juni 2020 ca. 330 Mio. $ in eine eigene Satellitenfabrik investiert. Auch BYD hat Interesse an Satelliten gezeigt.

Für uns in Europa stellen sich zwei grundsätzliche Fragen: Erstens, ob dieses Modell für Europa wirtschaftlich sinnvoll ist, und zweitens, ob dieses Modell für die europäische Industrie und den europäischen Nutzer so kritisch ist, dass wir ein entsprechend steuerfinanziertes System implementieren müssten. Für ein derartiges System rechnet die EU mit einem Investitionsvolumen von 7–9 Mrd. € – und wir müssen damit rechnen, dass wie bei allen derartigen Projekten diese Summe überschritten wird. Wie auch für StarLink können wir sicherlich nicht von einem wirtschaftlich sinnvollen Betrieb eines solchen Systems ausgehen. Es bleibt also die offene Frage der strategischen Bedeutung eines eigenen Systems für Industrie und Nutzer in Europa – die gleiche Frage, die für das Navigationssystem Galileo nach vielen Jahren Diskussion positiv beantwortet wurde. Ein Kommunikationssystem ist aber nicht Galileo … aber wie auch bei Galileo könnten wir erst viele Jahre nach der Inbetriebnahme von StarLink diese Infrastruktur zur Verfügung stellen.

Bevor wir uns in dieses Abenteuer stürzen (und wir haben in Europa keine Raumfahrtfirma mit einem Börsenwert von 74 Mrd. $, wie aktuell SpaceX), sollten wir den tatsächlich weltweit wirtschaftlich und sozialpolitisch erforderlichen Bedarf an Bandbreite für die europäische Industrie und den europäischen Bürger feststellen, und uns nicht a priori vom „Konstellationitis 2“-Virus infizieren lassen. Wir müssen dringend den Bedarf feststellen und die beste Möglichkeit, um diesen zu decken (GEO-, MEO- und LEO-Satelliten aus Europa) definieren. Wir haben bereits heute Raumfahrt-Ressourcen in Europa, die sich mit sicherlich wesentlich geringerem Aufwand und Risiko an den zukünftigen Bedarf an weltumspannender low latency-Kommunikation anpassen lassen.

Wir haben die Möglichkeit, in Europa diese Konstellations-Pandemie zu stoppen, die wir, sehr bedauerlicherweise, im Fall von COVID-19 nicht hatten – aber wir brauchen einen sinnvollen und kohärenten Alternativvorschlag. Die Option, nur Mister Musk et al. zuzusehen und nicht zu handeln, die haben wir nicht.