Braucht Europa eine „Space Force“?

Von Daniel T. Salzer

Einführung

Militärische Satelliten haben sich weit von ihrer ursprünglich vorgesehenen Verwendung als strategische Komponente von militärischen Operationen in eine zentrale taktische Ressource für die Durchführung von militärischen Operationen entwickelt. Somit wird die funktionelle Sicherstellung dieser Ressource und die entsprechende Absicherung gegen Bedrohungsszenarien zu einer zentralen Aufgabe der Verteidigungsstrategie. Dies führt weltweit zu wichtigen technologischen Entwicklungen. Aber wo bleibt Europa?

 

Die internationalen Entwicklungen

In den letzten Wochen und Monaten wurden wir mit Nachrichten überschüttet, die uns zu denken geben müssten. Der US Präsident Donald Trump hat entschieden, dass die United States Space Force gegründet wird. Diese soll die Kriegsführungsaufgaben des Air Force Space Command  übernehmen. Diese Entscheidung, die bereits im März 2018 von Präsident Trump im Rahmen seiner „America First National Space Strategy“  angedeutet wurde, ist die Reaktion auf die Einschätzung aus der „National Security Strategy“ im Jahr  2017, dass der Schutz der Raumfahrtinfrastruktur der USA eine der höchsten Prioritäten des Pentagons sein muss.

Diese Entscheidung stützt sich auf eine Aussage der US-Nachrichtendienste vom Februar 2018, dass in etwa zwei Jahren Russland und China in der Lage sein könnten US-Satelliten zu neutralisieren und somit die Fähigkeiten zur militärischen Navigation, Kommunikation und Erdbeobachtung in höchstem Maße bedrohen. Die Projekte und Pläne in Russland und China sind bereits seit Jahrzehnten bekannt. Neu ist jedoch, dass sich die Bedrohung offensichtlich dynamisch entwickelt und eine neue Dimension erreicht.

 

Was verstehen wir eigentlich unter „Space Warfare“?  Es handelt sich um den Angriff auf die   militärischen Raumfahrtressourcen, zum Beispiel raumfahrtbasierte Navigationssysteme (GPS, Galileo, Beidu,  GLONASS, etc.), Kommunikationssysteme (für Europa z.B. SatcomBW -Deutschland-, Skynet 5-UK-, Syracuse -Frankreich-, Sicral -Italien-), Erdbeobachtungssysteme (für Europa z.B. Sarah -Deutschland-, Helios -Frankreich-, Optsat -Italien-, Paz -Spanien-).

Der Angriff kann durch ballistische Systeme, zum Beispiel Boden-Luft-Raketen oder „Killer-Satelliten“ erfolgen, durch elektromagnetische Interferenzen z.B. durch boden- oder flugzeugbasierte Systeme, durch optische Methoden (bodenbasierte oder schiffsbasierte hochenergetische Laser). Die unterschiedlichen Raumfahrtnationen basieren ihre Strategie jeweils auf mehreren dieser Methoden.

China arbeitet seit 1964 an Antisatelliten-Waffen (ASAT) und hat bereits 2007 durch Zerstörung eines alternden Fengyun-Satelliten mit einer ballistischen Rakete diese Fähigkeiten im Weltraum demonstriert. Hochenergetische Laser scheinen seit 1995 in Entwicklung zu sein und wurden bereits 2006 an einem US-Satelliten getestet. Darüber hinaus werden auch Mikrosatelliten als „Killer-Satellites“  entwickelt, ein BX1-Mikrosatellit ist bereits 2008 bedrohlich nahe an der Internationalen Raumfahrtstation vorbeigeflogen. Im Februar 2018 hat China eine DN-3  Rakete getestet, die als „missile interceptor“ deklariert wurde, aber nach Aussagen von US-amerikanischen Verteidigungsexperten, die Fähigkeit besitzt und das Ziel hat, Satelliten zu zerstören.

Die russischen Raumfahrtstreitkräfte wurden bereits 1992 gegründet und in die russischen Luft-und Raumfahrt-Streitkräfte im August 2015 integriert. Im Juli 2018 hat die russische „Sputnik News“  veröffentlicht, dass Russland an einem Flugzeug getragenen elektromagnetischen Interferenzsystem arbeitet, dass auch Satelliten (Kommunikations- und Navigationssatelliten) durch Zerstörung Ihrer Empfangssysteme  ausschalten könnte. Im August 2018 wurde bekannt, dass Russland einen Satelliten die Umlaufbahn gebracht hat, der durch seine merkwürdigen Manöver von US-Sicherheitsexperten (er scheint sich wie ein „Andock-Satellit“ zu benehmen) als Bedrohung für die US- Satelliten eingestuft wurde.

 

Und Europa? Und Deutschland?

Und was tut Europa, was sollte Europa tun, was könnte die Bundeswehr beitragen? Europas militärische Raumfahrtinfrastruktur ist für die zukünftige Verteidigung des Kontinents eine kritische Ressource. Einerseits, müssen deswegen diese Ressourcen verteidigt werden, andererseits könnte es auch sinnvoll sein, sich in die Lage zu bringen, feindlichen Bedrohungen effektiv entgegenzuwirken.

Dazu sollten für zukünftige Satellitensysteme neue Orbitalkonzepte überlegt werden (eher „Swarm“-Systeme als einzelne Satelliten  für die Kommunikation und die Erdbeobachtung, mit entsprechender Redundanz am Boden), neue Technologien eingeführt werden (z.B. adaptive „Nulling“- Antennen mit flexibler „On-Board“ Prozessierung, kodiertes „Frequency Hopping“ bei Kommunikationssatelliten) und der europäische Zugang zum Weltraum muss langfristig sichergestellt werden. Zu diesem letzten Aspekt könnten Rahmenverträge auf europäischer Ebene mit Arianespace und gegebenenfalls anderen europäischen Trägersystem-Anbieter, soweit diese für den Start von militärischen Satelliten nutzbar sind,   abgeschlossen werden, die entsprechende Finanzierung für europäische Starts  von militärischen Satelliten den Streitkräften garantiert werden. Der Start deutscher SARah- Satelliten mit einer US-amerikanischen und dort staatlich subventionierten Falcon-9-Rakete sollte eine Ausnahme bleiben.

Sollte der in Großbritannien geplante „Spaceport“ realisiert werden, könnte dies eine weitere Sicherstellung für den europäischen Zugang zum Weltraum bedeuten. Entsprechende Vereinbarungen sollten deswegen verfolgt werden.

Darüber hinaus könnte es sinnvoll sein an Systemen zu arbeiten, die feindliche Satellitensysteme bedrohen. Damit würde Europa eine “quid-pro-quo“-Situation herstellen, die einen Angriff auf eigene Satellitensysteme wesentlich unwahrscheinlicher macht. Hier könnte Deutschland, als Hochtechnologieland, auch einen wichtigen Beitrag leisten. Denkbar wären z.B. boden- oder flugzeugbasierte hochenergetische Lasersysteme oder Mikrowellen-Interferenzsysteme.  Damit könnte Europa  einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der  NATO- Operativität leisten und die Ressourcen von ASAT-Systemen der außereuropäischen NATO-Staaten   für die Verteidigung der europäischen Ressourcen in Anspruch nehmen. Eine Diskussion über den Einsatz von möglichen ballistischen Systemen oder Killer-Satelliten würde man sich dadurch ersparen.

Organisatorisch sollte ein abgestimmtes europäisches Konzept für die Verteidigung der militärischen Raumfahrtressourcen erstellt werden. Gegebenenfalls gehört auch dazu der zentrale Betrieb solcher europäischer Verteidigungssysteme. Ob wir das eine europäische “SpaceForce“ nennen können?

Unabhängig von der Bezeichnung einer solchen Initiative stehen uns fraglos Weichenstellungen bevor.